Transcription

über Kiffen und Fahren

I N H A LT S V E R Z E I C H N I SPräambel4 –5Eine Studie beweist, dass man auch bekifft gut fahren kann.6–9Wer kifft, fährt konzentrierter.10 – 11Wenn ich nichts mehr vom Joint merke, kann ich auch fahren.12 – 13Alkohol ist viel schlimmer.14 – 17Cannabis macht nicht aggressiv, deshalb fährt man sicherer.18 – 19Die Polizei hat doch keine Ahnung.20 – 21Ein einzelner Joint ist kein Problem.22 – 25Ein Joint vor der Heimfahrt hilft beim Runterkommen.26 – 27Drogentests sind zu teuer. Kontrolliert wird nur bei Unfällen.28 – 29Wer regelmässig kifft, hats unter Kontrolle, ob er fahren kann.30 – 31Was heisst da Hanf? Was ist Cannabis?32 – 33Kleines Kiffer-Glossar34 – 35Wichtige Adressen und vielen Dank36 – 38IMPRESSUMHerausgeber: Schweizerischer Verkehrssicherheitsrat, Schwanengasse 3, Postfach,CH-3001 Bern, Telefon 41 31 329 80 86, [email protected] / Redaktion / Gestaltung / Fotos: Blitz & Donner, Herrenschwanden/BernWissenschaftliche Begleitung: Dr. rer. nat. Werner Bernhard, Institut für Rechtsmedizin,Universität BernD I E W A H R H E I T Ü B E R K I F F E N U N D FA H R E N ist eine Aktion des Schweizerischen Verkehrssicherheitsrats,finanziert vom Fonds für Verkehrssicherheit1. Auflage Juni 2004 Schweizerischer Verkehrssicherheitsrat3

D I E W A H R H E I T Ü B E R K I F F E N U N D FA H R E NV O R A B : I N D I E S E R K A M PA G N E D E S S C H W E I Z E R I S C H E NV E R K E H R S S I C H E R H E I T S R AT S G E H T E S W E D E R U M D I E G R U N D -Trotzdem ist bekifft fahren bis jetzt kein Thema. Dazu kommt, dass Kifferdurch die lange Zeit der Prohibition gelernt haben, sich mit pseudowissenschaftlichen Behauptungen gekonnt aus der Affäre zu ziehen. Der Informationsbedarf ist also in der Zielgruppe der Konsumenten, vor allem aber inderen Umfeld sehr gross.S AT Z F R A G E « K I F F E N – J A O D E R N E I N » N O C H U M D I E L E G A L I S I E R U N G . D I E S E P R Ä V E N T I O N S K A M P A G N E B E FA S S T S I C HA U S S C H L I E S S L I C H M I T D E M T H E M A « K I F F E N U N D FA H R E N » .NIEBEKIFFTAM STEUERBekifft fahren ist verboten. Die Regelung im revidierten Strassenverkehrsgesetz ganz präzise: Per 1.1.2005 gilt für Cannabis – anders als beim Alkohol – der Grenzwert 0. Wer Tetrahydrocannabinol – kurz THC –, den wichtigsten psychoaktiven Wirkstoff von Cannabis, im Blut hat, ist fahrunfähig.Gleichzeitig muss man sich aber der Tatsache stellen, dass der Meinungsbildungsprozess zum Thema «Kiffen und Fahren» in der breiten Öffentlichkeit noch ganz am Anfang steht.Viele Halbwahrheiten und Falschinformationen sind im Umlauf, der gesellschaftliche Druck, die soziale Kontrolle kaum vorhanden. Nicht-Kiffer sehenKiffer nicht als Strassenverkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer, sondernals Spezialfälle, die sowieso nicht gleich sind und folglich auch nicht Teilnehmende am Strassenverkehr – denn das sind WIR und nicht die ANDEREN,mit denen wir nichts zu tun haben oder zu tun haben wollen.In diesem Kontext steht die eindrückliche Zahl von 600 000 Personen in derSchweiz, die angeben, gelegentlich zu kiffen. Einigen davon begegnet manauch auf der Strasse.Die Statistiken der Rechtsmedizin lassen aufhorchenDie Zahl der Cannabis positiv getesteten Verkehrsteilnehmer/-innen ist inden letzten Jahren nach oben geschnellt. Im Kanton Zürich waren es 2001noch 80 Personen, 2003 bereits 159 (IRM Zürich). Im Institut für Rechtsmedizin der Universität Bern wurde im vergangenen Jahr bei fast der Hälftevon ca. 800 Urinproben von Fahrzeuglenkern/-innen THC nachgewiesen. Inder Westschweiz fand sich THC in 54% von 440 zwischen 2002 und 2003 analysierten Blutproben (IUML Lausanne).4Ausserdem darf man nicht vergessen, dass der THC-Gehalt in den Cannabis-Produkten laufend zugenommen hat. Marihuana aus Schweizer Produktion ist, das beweisen chemische Analysen, heute oft 10-mal stärker alsAnfang der 1990er-Jahre.Sachinformationen versus GerüchteDie Weichen für die Meinungsbildung müssen gestellt werden. Wie das funktioniert? Sicher nicht, indem man einfach viele Plakate aufhängt, auf denensteht: «Du sollst nicht kiffen und fahren!» Das weiss eigentlich jeder – oderkann es sich wenigstens denken. Vor allem die, die es direkt betrifft. Ganzabgesehen davon, dass Kiffer sich von Gesetzen und Plakaten wohl kaumbeeindrucken lassen.Die Dramaturgie vonGerücht und Wahrheitnimmt das Publikumernst. Meinungsbildungist hier ein aktiver Prozess. So kann die angebotene Handlungsanweisung «Nie bekifftam Steuer» ein eigenerDeshalb setzt «Die Wahrheit über Kiffen und Fahren» auf den indirektenWeg. Davon ausgehend, dass jeder Kiffer zu mindestens 20 Personen, dieselbst nicht kiffen, Kontakt hat, liefert die Kampagne diesen Beeinflussernstichhaltige Argumente, damit sie in der Diskussion nicht sprachlos da-Entscheid werden.stehen. Dabei fordert kein drohender oder belehrender Zeigefinger Folgsamkeit. Kursierende Gerüchte werden aufgegriffen und Sachinformationengegenübergestellt.Materialien für den UnterrichtBei der Recherche für die Konzeption zeigte sich, dass besonders im Umfeldder Ausbildung – und zwar sowohl seitens der Fahrlehrerschaft und derVerkehrsinstruktoren als auch in den nachobligatorischen Schulen – grosses Interesse an geeigneten Einsatzmitteln für den Unterricht besteht.Das vorliegende Hintergrundbuch liefert vertiefte Informationen. Es ist Teileiner ersten grossen Unterrichts-Dokumentation. In diesem InformationsPaket sind weiterhin enthalten: ein Schülersatz der Broschüre «Die Wahrheit über Kiffen und Fahren», Arbeitsblätter und ein Video auf DVD und VHS.Dieses Video erschliesst die verschiedenen Aspekte des Themas «Cannabisim Strassenverkehr» griffig und schnell.Ausgehend von der per 1.1.2005 geltenden Nulltoleranz für Cannabis amSteuer, werden darin u.a. thematisiert: die wachsende Zahl der Fälle vonCannabis am Steuer; wissenschaftliche Erkenntnisse über die Beeinflussung der Fahrfähigkeit durch Cannabis und die besondere Gefahr, wennAlkohol und Cannabis gleichzeitig konsumiert werden; aber natürlich auchdas Erwischtwerden bei einer Polizeikontrolle; ein Fall von «Fahren unterCannabis mit Unfallfolge» vor Gericht und die Situation, wenn in diesemSchadenfall die Versicherungen die Haftung ablehnen und eine Kostenbeteilung vom bekifften Unfallfahrer fordern.5

GERÜCHT:landen – Versuche mit bekifften Autofahrern im ganz normalen Strassenverkehr auf Autobahnen und in der Stadt durchführen konnte.«ES IST SOGAR WISSENSCHAFTLICH ERWIESEN, DASS MAN BEKIFFT GENAUSO GUTFÄHRT WIE NÜCHTERN.»DIE WAHRHEIT:DIE VIEL ZITIERTE STUDIE IST VON HINDRIK WILLEMJ A N R O B B E . E R H AT A N FA N G D E R 1 9 9 0 E R - J A H R E I NEINER VERSUCHSREIHE HERAUSGEFUNDEN, DASSL E I C H T B E K I F F T E P E R S O N E N R E L AT I V S I C H E R F U H R E N– J E D E N FA L L S I M V E R G L E I C H Z U A N G E T R U N K E N E NP E R S O N E N . D I E FA H R L E I S T U N G E N I N D I E S E R K Ü N S T LICHEN VERSUCHSANORDNUNG SIND ABER NICHT 1:1I N D I E R E A L I TÄT D E S N O R M A L E N S T R A S S E N V E R K E H R SÜBERTRAGBAR.H.W.J. Robbe, vorm.Universität Maastricht:«In der realen Welt gibt es plötzlich auftretende Gefahrensituationen. Dannist bekifft sein sehr gefährlich», warnt auch Hindrik W.J. Robbe.«Es geht nicht darum,ob man bekifft nochsicher fahren kann. DieFrage lautet vielmehr,wie schlecht man fährt,wenn man gekifft hat.Deshalb mein Rat:Rauch nicht, wenn dufahren willst.»Robbe, der sich in seiner Dissertation 1 intensiv mit dem Einfluss von Cannabis auf die Fahrfähigkeit befasst hat, hält Fahren unter Cannabis-Einfluss fürgar keine gute Idee: «Ich würde nie behaupten, dass es sicher ist, nach demKiffen zu fahren. Vielleicht ist die Einschränkung nicht so stark, wenn mannur ganz wenig konsumiert. Da man aber nie genau weiss, wie viel THC ineinem Joint ist und wie sich der psychoaktive Stoff dann auswirkt, fährt manbekifft nie sicher!»Wo alles begannNiederlande, Maastricht. Am Psychologischen Institut der Universität Maastricht werden seit vielen Jahren die Effekte von Drogen und Medikamentenauf die Fahrfähigkeit untersucht. Hier arbeitet das einzige Forschungsteamweltweit, das – im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten in den Nieder16Robbe, Hindrik W.J.; O’Hanlon, James F.: Marijuana and Actual Driving Performance. Washington, DC, US Department of Transportation, National Highway Traffic Safety Administration. 1993.Auf der gleichen Studie basiert: Robbe, Hindrik W.J.: Influence of Marijuana on Driving.Maastricht, Netherlands, Maastricht University, Institute for Human Psychopharmacology. 1994.Die VersuchsanordnungIm Auftrag des amerikanischen Verkehrsministeriums hat Hindrik W.J.Robbe in den 1990er-Jahren die ersten Versuchsreihen gestartet. Die Untersuchung sollte Aufschluss geben über die Fahrfähigkeit von Personen unterCannabis-Einfluss. Die Fahrversuche waren so angelegt, dass sie schrittweise den realen Anforderungen im Strassenverkehr angenähert wurden.Nach einem Labortest fanden drei Fahrtests statt, zuerst auf einem abgesperrten Autobahnstück, dann auf einer Autobahnstrecke mit Normalverkehr und schliesslich in Stadtverkehr. Die Testpersonen waren in speziellpräparierten Fahrzeugen unterwegs und wurden von einem Fahrlehrerbegleitet.Bei den Versuchen auf der Autobahnstrecke ging es um die Fähigkeit derleicht bekifften Fahrer, die Spur zu halten. Mit einem Distanzmesser wurdeder Abstand des Fahrzeugs zum Mittelstreifen überwacht und so kontrolliert, ob der Fahrer schwankte. Bei einem weiteren Versuch mussten dieProbanden hinter einem Fahrzeug herfahren, das beschleunigte und bremste. Dabei wurden das Einhalten des Abstands gemessen und das Reaktionsverhalten bei plötzlicher Geschwindigkeitsveränderung des voranfahrendenFahrzeuges.Zusätzlich fanden regelmässig vor und nach den Testfahrten BlutplasmaUntersuchungen zur Bestimmung des THC-Gehaltes sowie die Überprüfungvon Hand- und Körperbeherrschung statt, um festzustellen, ob sich dadurchdie Fahrtüchtigkeit voraussagen lässt.In den USA selber durften diese Tests nicht durchgeführt werden, weil sichdie leicht bekifften Versuchspersonen dabei strafbar gemacht hätten.Alles eine Frage der Interpretation?Noch heute wird diese erste praktische Studie oft, gerne und auch vielfachfalsch zitiert. Hindrik W.J. Robbe meint dazu: «Die Resultate meiner Studiensind sehr unterschiedlich interpretiert worden. Die Bandbereite reicht voneinem Extrem bis zum anderen. Während die einen unsere Forschungsergebnisse anführen und sagen, es sei sehr gefährlich, bekifft zu fahren,lesen die anderen aus der gleichen Studie, es sei sicher, sich unter Cannabis-Einfluss ans Steuer zu setzen. Meines Erachtens liegt die Wahrheitzwischen diesen beiden Auffassungen. Man fährt nie sicher, wenn manMarihuana geraucht hat. Wir haben bewiesen, dass selbst bei kleinstenDosen die Fahrleistungen schlechter werden. Allerdings waren die Auswirkungen in unseren Tests nicht gravierend. Denn wir haben die Tests mitsehr niedrigen THC-Mengen durchgeführt. Damit entsprach die Beein-Forschungsergebnissesind immer im Zusammenhang mit dem so genannten Testdesign zubewerten. Dazu gehörenz.B. die definierten Zieledes Tests, der Aufbaudes Versuchs, aber auchdie Vorerfahrungen derTestpersonen.7

Der Rückschluss vonwissenschaftlichen THCMengenangaben «niedrigeDosis, hohe Dosis» aufdas eigene Konsumverhalten ist problematisch.Die Schlussfolgerung«hohe THC-Dosen konsumiere ich nie, ich rauchedoch nur einen kleinenJoint» ist falsch. Ein Jointenthält bereits die höchs-trächtigung durch das Tetrahydrocannabinol den Auswirkungen von 0,5 Promille. Ein normaler Joint verursacht Beeinträchtigungen, die ähnlich sindwie bei 0,8 Promille.»nen, sondern automatische Reaktionen ablaufen müssen. Zum Beispiel,wenn der/die bekiffte Fahrer/-in notfallmässig reagieren muss, weil an einerKreuzung ein anderer Verkehrsteilnehmer eine rote Ampel übersieht In einer Folgestudie 2 von H.W.J. Robbe waren die Fahrleistungen der Testpersonen schlechter als bei seinen ersten Tests, und das sogar bei niedrigeren THC-Dosen. Diese neue Gruppe hatte weniger Erfahrung mit Cannabis.Diese Fahrer/-innen wären, so Robbe, weniger in der Lage, Kollisionendurch Ausweichmanöver zu verhindern, und bei längeren Fahrten würdensie vermutlich einschlafen.Nahe liegend, dass die Reaktion unter Cannabis-Einfluss in solchen Gefahrensituationen nicht im normalen Strassenverkehr getestet werden kann.Solche Versuche sind nur im Simulator möglich. Und da wissen die Testpersonen, dass es nur eine Simulation ist.Was ist eine hohe THC-Dosis?Hindrik W.J. Robbe forscht heute nicht mehr auf diesem Gebiet. Seine Studien werden von Johannes «Jan» G. Ramaekers 3 und seinem Team an derUniversität Maastricht weitergeführt. Ramaekers ist sich bewusst, dasssolche Studien von Laien falsch verstanden werden können, weil die in denTests verwendeten THC-Mengen sehr gering sind. «Die höchsten Dosen, dieich und Dr. Robbe in unseren Testreihen verwendet haben, entsprechen ganznormalen Mengen von THC, die jeder Kiffer mit einem Joint zu sich nimmt –oder zu sich nahm, vor 10 Jahren. Tatsächlich gibt es viele, die wesentlichmehr rauchen als die höchste Dosis, die wir je getestet haben.»ten in der Robbe-Studieverwendeten THC-Dosen.Natürlich will kein Wissenschaftler, dass bei seinen Tests Leib und Lebender Versuchspersonen gefährdet werden. Deshalb ist die THC-Dosis nicht sohoch wie möglich, sondern nur so stark, dass man ein messbares Resultaterhält. Verabreicht und getestet wurden Dosierungen von 0, 100, 200 und 300Mikrogramm THC pro Kilogramm Körpergewicht.Teilergebnisse deuten darauf hin, dass unter stärkeren Belastungen bestimmte Kompensationsleistungen nicht mehr erbracht werden können.Dazu zählen Situationen, die eine zu geringe Aufmerksamkeit beanspruchen, wie längere monotone Fahrten, vor allem aber Situationen, die die«geteilte Aufmerksamkeit» des Fahrers/der Fahrerin fordern oder Überraschungsmomente beinhalten.Fazit: In kalkulierbaren Situationen können erfahrene Cannabis-Konsumen-Peter X. Iten, IRM Zürich:ten/-innen leichte Einschränkungen durch geringe THC-Mengen mit bewusstem Fahren kompensieren.«Die durch Cannabis hervorgerufenen Beeinträchtigungen der Wahrnehmung, der Psychomotorik,Wenn jedoch z.B. der vordere Fahrer plötzlich bremst und automatischeReaktionen gefordert sind oder die Autobahnfahrt in der Nacht mehrereStunden dauert, können auch Gewohnheitskiffer plötzlich schwere Beeinträchtigungen zeigen.der kognitiven und affektiven Funktionen sindnicht mit dem Führeneines Fahrzeuges zu vereinbaren.»Cannabis beeinträchtigt die FahrfähigkeitGrundsätzlich muss man davon ausgehen, dass Cannabis-Konsum die Fahrfähigkeit beeinträchtigt. Dafür wurden die Beweise in verschiedenen Studienerbracht. Man weiss heute auch, dass höhere THC-Dosen meist stärkereAuswirkungen zeigen als kleine Mengen THC. Wie aber reagiert ein bekiffterFahrer oder eine bekiffte Fahrerin im Notfall?Notfall oder Monotonie, dann wirkt Cannabis am stärkstenWas nicht 1:1 getestet werden kann, ist die Fahrfähigkeit von bekifften Fahrzeuglenkern/-innen in Notfallsituationen. Gerade in diesem Bereich sehendie Wissenschaftler jedoch das grösste Gefahrenpotenzial beim Fahrenunter Cannabis-Einfluss. Denn Cannabis zeigt genau dann die stärkstenEffekte, wenn keine bewussten Entscheidungen mehr getroffen werden kön-82Robbe, Hindrik W.J.; O’Hanlon, James F.: Marijuana, Alcohol and Actual Driving Performance. 1999.3Ramaekers, J.G.; Berghaus, G.; van Laar, M.; Drummer, O.H.: Dose related risk of motor vehiclecrashes after cannabis use. Drug and Alcohol Dependence. 2004.9

GERÜCHT:«WENN ICH GEKIFFT HABE, KONZENTRIEREICH MICH GANZ AUF DEN VERKEHR. DESHALBViele Situationen im Strassenverkehr verlangen nach automatischen Reaktionen, und diese werden durchs Kiffen beeinträchtigt. Das ist der Hintergrund für die häufig gehörten Aussagen von bekifften Unfallfahrern/-innenim Sinne von «Ich habs gesehen und eigentlich genau gewusst, was ichmachen müsste. Aber es hat nicht gereicht. Es ging einfach nicht.»FA H R E I C H N A C H E I N E M J O I N T S O G A R N O C HBESSER.»DIE WAHRHEIT:D I E S E K O N Z E N T R AT I O N I S T E I G E N T L I C H E I N E E I N SCHRÄNKUNG. BEKIFFT KANN DAS GEHIRN NICHT MEHRSO VIELE EINDRÜCKE GLEICHZEITIG VERARBEITEN.D E S H A L B H AT M A N D A S G E F Ü H L , K O N Z E N T R I E R T Z USEIN. IM VERKEHR MUSS MAN ABER GLEICHZEITIG AUFVERSCHIEDENE SACHEN ACHTEN UND SEHR SCHNELLA U F N E U E S I T U AT I O N E N R E A G I E R E N .Die subjektive RauschwahrnehmungDie subjektive Beschreibung seines Rauschzustandes von einem CannabisKonsumenten spricht für sich: «Die Aufmerksamkeit bleibt an allem Möglichen hängen, an einem Wort, einem Gedanken, dem Gefühl der Leere imKopf. Dann gibts aber auch noch die gesteigerten assoziativen Verknüpfungen, durch die man so etwas wie Denkflashs bekommen kann; dadurchkommen dann auch neue Ideen, bis dato unbekannte Gedanken, die Kreativität wird angeregt. Ausserdem hat man die Tendenz, sich mehr als gewohntin positive (high) wie negative (down) Emotionen reinzusteigern.»Die Einschätzung der LeistungsbeeinträchtigungDie 2000 im Auftrag der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und an-Die Selbsteinschätzungdere Drogenprobleme durchgeführte gesamtschweizerisch repräsentativeCannabis-Umfrage 2 beinhaltet auch eine Frage zu den Konsequenzen desKonsums.sumenten/-innen istvon vielen Cannabis-Konrichtig. Sie fühlen sich«high» nicht fahrfähig.Allerdings gehen viele davon aus, dass, sobald dasDas vermeindliche Gefühl,unter Cannabis-Einflussbesonders konzentriert zusein, kann als eine ArtTunnelblick beschriebenwerden.Anstatt die ganze Umgebung und die gesamte Strassenverkehrssituation imAuge zu behalten, richtet sich die Aufmerksamkeit von bekifften Fahrzeuglenkern/-innen auf einen Teilbereich. Sie empfinden diesen Zustand alsKonzentration. Sie konzentrieren sich ja auch wirklich auf etwas. Allerdingsgeht diese Konzentration zu Lasten der Wahrnehmung anderer wichtigerElemente in der Umgebung.Kaum überraschend ordnen Jugendliche und junge Erwachsene dem Cannabis-Konsum deutlich positivere Folgen zu als ältere Personen. Interessanterweise nehmen die jungen Personen die nachteiligen Folgen jedochebenso wahr wie die älteren. Was den Leistungsaspekt betrifft, sind diejüngeren Befragten tendenziell sogar kritischer eingestellt.Rauschgefühl vorbei ist,die Fahrfähigkeit wiederhergestellt ist. Der Grenzwert 0 bezieht sich jedochauf das Vorhandenseinvon aktivem THC im Blut,und das ist wesentlichlänger nachweisbar, alsE I N S C H ÄT Z U N G D E R K O N S E Q U E N Z E N D E S C A N N A B I S - K O N S U M Sdas subjektive Rausch-Die Wahrnehmung im Strassenverkehr erfolgt zu rund 90% übers Auge(Gesichtssinn). Das Gehör wird zu rund 5% beansprucht, die restlichen 5%verteilen sich auf die anderen Sinne (Gleichgewichts- und Tastsinn). Umsicher im Verkehr unterwegs zu sein, muss die Wahrnehmung optimal funktionieren, aber auch die Verarbeitung der aufgenommenen Informationen.Durch geringen Konsum von Cannabis verursachte leichte Beeinträchtigungen der geistigen Leistungsfähigkeit können – wenn keine Ausnahme1empfinden anhält.Häufiger CannabisgebrauchLebensalter in Jahrenhat folgende Konsequenzen:15 – 2425 – 4445 – 5960 87,4%86,6%81,2%72,1%Leistungsaspektbeeinträchtigt die Fahrtüchtigkeitsituation eintritt – durch bewusstes Fahren ausgeglichen werden.Beeinträchtigung der automatischen ReaktionenSolange nichts Aussergewöhnliches passiert, ist die Wirkung des Kiffensmeistens kaum spürbar. Ganz anders ist es, wenn keine Zeit mehr zumNachdenken bleibt.2110Schweizerische Beratungsstelle für Unfallverhütung bfu: Verkehrssinn, Unterrichtsblätter zurSicherheitsförderung an Schulen. 2003.Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA): Cannabis auf derSchwelle zum legalen Rauschmittel – Was die Schweizer und Schweizerinnen vom Cannabiskonsum halten. 2000.11

GERÜCHT:fluss von Cannabis. Wer nun glaubt, dass, wer regelmässig kifft, THCschneller abbaut, irrt sich gewaltig. Wer regelmässig und viel kifft, läuftGefahr, dass THC sogar noch wesentlich länger nachgewiesen werden kann.Und wir sprechen hier nicht von Urinproben, sondern vom aktiven THC imBlut. Dann geht es auch nicht mehr nur um die zeitlich befristete Fahrunfähigkeit. Chronischer Cannabis-Konsum macht fahruntauglich, der Fahrausweis kann für immer weg sein.«NACH UNGEFÄHR DREI STUNDEN MERKEI C H N I C H T S M E H R V O N E I N E M J O I N T.S O L A N G E W A R T E I C H M I T D E M FA H R E N .DANN IST ES KEIN PROBLEM MEHR.»DIE WAHRHEIT:THC verschwindet zwar aus dem Blut, wird aber zur pharmakologisch nichtmehr aktiven THC-Karbonsäure (THC-COOH) umgebaut. Dieses Abbau-Produkt ist, wie gesagt, nicht mehr psychoaktiv. Doch THC-COOH kommt immenschlichen Organismus nicht natürlich vor. Das wiederum heisst, werTHC-COOH im Körper hat, hat Cannabis konsumiert.AUCH WENN DIE RAUSCHWIRKUNG VON EINEM JOINTNACH UNGEFÄHR FÜNF STUNDEN ABGEKLUNGEN IST,Der Nachweis der THC-Karbonsäure im Urin ist nach einmaligem Konsumwährend maximal zwei bis drei Tagen möglich, bei Gewohnheitskiffern, dieregelmässig und viel rauchen, sogar noch Wochen bis Monate. Im Haar istCannabis, je nachdem wie lang es ist, sogar noch Jahre nachweisbar.HEISST DAS NOCH LANGE NICHT, DASS NUN KEINAKTIVES TETRAHYDROCANNABINOL (THC) MEHR IMB L U T V O R H A N D E N I S T. D I E A N A LY S E G E R ÄT E I N D E NRECHTSMEDIZINISCHEN INSTITUTEN SIND HOCH SENSIBEL UND KÖNNEN THC WESENTLICH LÄNGER NACHW E I S E N , A L S D I E R A U S C H W I R K U N G S P Ü R B A R I S T.Das Tetrahydrocannabinol (THC), der wichtigste psychoaktive Wirkstoff vonCannabis, wird im Blut mittels der Gaschromatographie-Massenspektrometrie-Methode gemessen und nachgewiesen. So wie der Abbau von Alkoholim Blut Zeit braucht – ein gesunder Körper «schafft» pro Stunde etwa 0,15Promille –, ist auch die Umwandlung von aktivem THC in die nicht mehr aktive Karbonsäure des Tetrahydrocannabinols eine Frage der Zeit. Allerdingsbeeinflussen beim THC u.a. auch die Konsumgewohnheiten die Abbauzeit.Auf Nummer sicher geht,wer nach dem letzten Zugam Joint mindestensDer Nachweis von Cannabis-Einfluss und Cannabis-KonsumDer positive Nachweis von aktivem THC im Blut ist bei Gelegenheitskiffernbis zu 12 Stunden nach dem Konsum möglich und gilt als Indiz für den Ein-Einfluss oder Konsum?Wie oben beschrieben, wird THC bei inhalativer Aufnahme (Rauchen einesJoints) sehr rasch im Organismus verteilt. Die Konzentration von aktivemTHC im Blut steigt steil an und fällt dann relativ schnell wieder ab. Gleichzeitig kommt es zum Anstieg des Abbauproduktes THC-Karbonsäure (THCCOOH), das über längere Zeit im Urin ausgeschieden wird. Für rechtlicheBelange reicht ein positiver Cannabinoidbefund im Urin aber nicht aus, weildamit nicht bewiesen werden kann, dass der Betreffende tatsächlich unterEinfluss von Cannabis gefahren ist. Nur im Blut kann der Nachweis deraktuellen Drogenwirkung geführt werden!Auch ein einmaligerCannabis-Konsum kanndurch einen Urintestnachgewiesen werden,sofern der Konsumnicht länger als einigeTage zurückliegt.Ein Beispiel zum besseren VerständnisAn einem Montagnachmittag um 14.00 Uhr kommt es zu einem Verkehrsunfall. Beim Unfallverursacher besteht der Verdacht auf Drogenkonsum. EineBlutprobe wird angeordnet. Um 15.00 Uhr wird diese durchgeführt. Das Ergebnis: 18 Nanogramm THC-COOH pro Milliliter Blut.12 Stunden wartet, bevorer wieder ein FahrzeugE R S T N A C H 12 S T U N D E N W I E D E R A N S S T E U E R !Der Untersuchte sagte aus, er habe am Sonntag das letzte Mal gekifft. In 000500012:00:00WIEDERFAHRFÄHIG1012Zeit (Std.)THC-Plasma-Konzentration (µg/l)lenkt.sem Fall kann davon ausgegangen werden, dass die Aussage des Unfallfahrers stimmt. Er hat zwar Cannabis konsumiert. Zur Unfallzeit war er abernicht bekifft. Hätte er jedoch eine Stunde vor dem Unfall, also um 13.00 Uhr,vielleicht in seiner Mittagspause, einen Joint geraucht, dann wäre in der zweiStunden später entnommenen Blutprobe neben THC-COOH auch aktivesTHC detektiert worden. In diesem Fall hätte der Befund dann eindeutiggelautet: Fahren unter Cannabis-Einfluss.13

GERÜCHT:«ALKOHOL IST WESENTLICH SCHLIMMERA L S C A N N A B I S . E S PA S S I E R E N D O C HVIEL MEHR UNFÄLLE DURCH ALKOHOL.»reichen Studien hat man festgestellt, dass beim gleichzeitigen Konsum vonAlkohol und Cannabis die Fahrleistungen drastisch schlechter werden. Wasgenau die verstärkende Wirkung auslöst oder herbeiführt, ist immer nochGegenstand von Forschungen und nach wie vor nicht restlos geklärt.Wer trinkt und kifft, erlebt stärkere körperliche Einschränkungen und Veränderungen seiner Wahrnehmung. Eine wissenschaftliche Testreihe mitverschiedenen Fahrversuchen 2 belegt bereits bei einer niedrigen CannabisDosierung und gleichzeitigem Alkohol-Konsum einen überproportionalenAnstieg der Fahrfehler. Die Vergleichsgruppe, die «nur» alkoholisiert dieTests absolvierte, zeigte deutlich weniger solche Ausfälle.DIE WAHRHEIT:TAT S Ä C H L I C H G I B T E S M E H R U N F Ä L L E U N T E R A L K O H O L EINFLUSS. ES GIBT ABER AUCH WESENTLICH MEHRMENSCHEN, DIE ALKOHOL TRINKEN, ALS SOLCHE, DIEGrobe Fahrfehler bei kleinsten Cannabis- und AlkoholmengenEine neue Studie 3, die an der Psychologischen Fakultät der Universität Maastricht in den Niederlanden durchgeführt wurde, dokumentiert ebenfalls diegravierenden Auswirkungen des Mischkonsums von Cannabis und Alkohol.KIFFEN. GEFÄHRLICH IST BEIDES! BESONDERS KRI-führt die Wechselwirkungzu Einbussen in allenwichtigen Leistungsbereichen, die grösser sindals die Alkohol- oderSubstanzen – damit sindAlkohol, andere Drogensowie Medikamente, vorGEKIFFT WIRD. CANNABIS UND ALKOHOL ADDIERENallem Schlaf- und Beru-Cannabis wirkt subtiler als AlkoholDie Effekte von THC sind nicht in der gleichen Form berechenbar wie dieAuswirkungen von Alkohol. Jeder Mensch reagiert anders. Sogar ein unddieselbe Person kann ganz unterschiedlich auf den Konsum von Cannabisgegenseitigen Verstärkung der jeweiligen Wirwerden muss.Beim kombinierten Kosum von 100 Mikrogramm THC und einer AlkoholKonzentration von 0,4 Promille – also einem Wert, der sogar unter denRisikofaktor MischkonsumViele Fälle aus der Praxis und wissenschaftliche Untersuchungen belegendie sich verstärkenden Rauschwirkungen von Alkohol und Cannabis. In zahl-pegel von über 0,8 bis 1,4 Promille.Berghaus, G.; Krüger, H.-P.: Cannabis im Strassenverkehr. Stuttgart, Gustav Fischer Verlag. 1998.grundsätzlich von einerIn beiden Fällen, bei niedrigen Cannabis-Dosen und bei geringen AlkoholMengen, zeigten die Probanden keine oder nur sehr geringe physische Veränderungen und Einschränkungen der Wahrnehmung.gesetzlichen Bestimmungen vieler Länder liegt – veränderte sich die Situa-1higungsmittel, gemeint –kungen ausgegangenBei den Fahrversuchen mit Cannabis wurde die sehr geringe Dosis von 100Mikrogramm THC pro Kilogramm Körpergewicht verabreicht. Beim Alkoholwurde die Fahrfähigkeit mit 0,4 Promille getestet. Grössere Mengen THCund Alkohol wurden in dieser Untersuchung von der Forschergruppe unterder Leitung von Johannes G. Ramaekers nicht verabreicht, da die Wissenschaftler das erhöhte Risiko nicht eingehen wollten.reagieren. Oft wird das Zeitempfinden beeinflusst, auch die räumliche Wahrnehmung kann sich verändern. Das Kurzzeitgedächtnis ist beeinträchtigt.Emotionen werden verstärkt erlebt.Cannabiswirkung allein. 114weiteren psychotropenmontiert worden waren, zeichneten auf, wie viele Elemente die Fahrer/-innen im Strassenverkehr beachteten. Die Testfahrten wurden sowohl nachCannabis- als auch nach Alkohol-Konsum sowie mit einer Kombination vonbeiden Drogen durchgeführt.Die Auswirkungen des Alkoholkonsums allein sind bekannt und messbar.Ab 0,2 Promille wird das Wahrnehmungsvermögen für bewegliche Lichtquellen schlechter. Mit 0,8 Promille bremst man eine Sekunde später. Dasverlängert den Anhalteweg bei 50 km/h um 14 Meter.von Cannabis und AlkoholKonsum von Cannabis undKleine Kameras, die den Versuchspersonen in dieser Testreihe auf den KopfCannabis und Alkohol haben ganz verschiedene Wirkungen. Treffen beideWirkungsweisen zusammen, wirds bedenklich: Ab 0,3 Promille erscheinenGegenstände weiter entfernt, und unter gleichzeitigem Cannabis-Einflussist möglicherweise dann auch noch die Wahrnehmung verzerrt.schen 0,3 und 0,8 Promilledass bei kombiniertemTISCH WIRD ES, WENN GLEICHZEITIG GETRUNKEN UNDS I C H B R U TA L I N I H R E R W I R K U N G .Bei Alkoholwerten zwi-Es ist heute unbestritten,tion dramatisch. Nun zeigten die Fahrer/-innen plötzlich wesentlich verschlechterte Fahrleistungen. Das heisst, die Versuchspersonen achtetennun wesentlich schlechter auf den Verkehr – ähnlich wie bei einem Alkohol-2Sutton, L.R.: The effects of alcohol, marijuana and their combination on driving ability. 1983.3Ramaekers, J.G.; Berghaus, G.; van Laar, M.; Drummer, O.H.: Dose related risk of motor vehiclecrashes after cannabis use. Drug and Alcohol Dependence 73. 2004.15

Hier im Überblick die bei Fahrtests (Robbe 1994 und Ramaekers 2000) festgestellten Abweichungen beim Spurhalten unter Cannabis- und AlkoholEinfluss.DURCHSCHNITTLICHE ABWEICHUNG VOM MITTELSTREIFEN (CM)Seitliche Abweichung 200ALKOHOL(g/dl)ÐÐÐ0,04ÐÐ0,040,04ReferenzFast 800 Urinproben vonFahrzeuglenkern/-innenwurden im Jahr 2003 imInstitut für Rechtsmedizinder Universität Bern aufDrogen analysiert. Bei300 Untersuchungen warder Grund für die ProbeWarum Alkohol und Cannabis nicht verglichen werden könnenZur Erinnerung: Ab 0,5 Promille verdoppelt sich das Unfallrisiko. Mit einemBlutalkoholwert von 0,8 Promille ist es viermal höher. Bei 1,2 Promille istdas Risiko, einen tödlichen Verkehrsunfall zu verursachen, sechsmal höherals in nüchternem Zustand. Die Beeinträchtigungen der Fahrfähigkeit durchAlkohol und der direkte Bezug zwischen Trinkmenge und Auswirkungensind heute bestens erforscht, vielfach dokumentiert und in der Öffentlichkeitbekannt.Robbe (1994)B

4 die wahrheit Über kiffen und fahren vorab: in dieser kampagne des schweizerischen verkehrssicherheitsrats geht es weder um die grund-satzfrage «kiffen - ja oder nein» noch um die legali-